19.8.15

4. Etappe von Oberhof nach Botterode

6:15
Kaum zu glauben wie schnell die Tage vergehen. Zumindest mein Kopf bräuchte jetzt eine Pause, um die vielen Eindrücke zu verarbeiten. Die in Bier gemischten Gespräche am Abend in der Baude, die Umgebung, die Geschichten, die Bilder, die Wege, das ist viel und sicherlich besser verträglich für den, der das hier im Wandern absolviert. Nachts träume ich wirres Zeug. Wir haben Klassenfahrt. Ich bin in der 6. Klasse der Krupskaja Oberschule. Wir fahren mit der Berliner S-Bahn direkt in die österreichischen Alpen. Ich habe meinen Turnbeutel vergessen, aber auf meinem Rücken hängt der Lauf Rucksack.

Das Frühstück duftet durch die alte Tür der Pension "Waldesruh" an der Landstraße hoch unter dem Dach wo ich mit meinem schweren Koffer wohne. Der Schlüssel in der Tür ist alt und steckt in einem alten Schloss. "Schnack" macht er wenn man ihn dreht. Der Koffer grinst mich an. Nachher werde ich ihn die enge Treppe nach unten ins Foyer befördern. Die grobe Masse aus Stein. Nicht viel Zeit, denn der Kleinbus wird uns bald nach Oberhof bringen, vorbei am Trainingszentrum der Biathlons unweit der großen Schanze. 

8:50

Warm up auch für Schultern, Lenden, Waden. Mein tägliches Ritual. Achim, der heute pausiert überrascht mich mit seinem Fotoaperat. 



9:00

Start. Die Wolken haben sich wieder vor die Sonne geschoben. Es ist kühl. Wir laufen entlang der Schmalkaldener Loibe, dem Nesselberg entgegen. Nach der "Alten Ausspanne" kommt der Glasberg. Nach der Splitterbrücke geht es links steil hoch zum Berghotel.



Romantisch zieht der Rinnsteig, den wir heute Rennsteig nennen, seine Linie durch den Thüringer Wald. 




Die Herde der Läufer trabt auf feuchtem Schotter dem heiligen weißen R hinterher. Alle 200 m steht es irgendwo geschrieben. Wenn man es eine Weile nicht gesehen hat ist man falsch. Heute ist es still im Läuferfeld. Während der ersten Kilometer hat jeder mit sich zu tun. Hier ein Zwicken und da ein Zwacken. Mein rechtes Sprunggelenk macht sich seit einiger Zeit bemerkbar. Ein noch überschaubares Übel. Man gewöhnt sich an vieles. Überhaupt die Gewöhnung. Da führt man seit einer knappen Woche ein völlig extremes Leben, stresst seinen Körper, das ganze Herzkreislaufsystem, läuft täglich fast einen Marathon und schon scheint sich der Körper darauf einzustellen.




In welchem genialen Konstrukt der Natur dürfen wir leben? Wenn man betrachtet wie sich ein völlig ausgepumpter Körper über Nacht erholen kann allein mit Thüringer Bratwurst und Klößen...


Was ich aber eigentlich meine ist, man muss sich neben der konsequenten Vorbereitung eines solchen Unternehmens, neben vielem Training, gesunder Ernährung und guter Selbstorganisation etwas Schweres auch zutrauen. Man muss vertrauen, denn man kann viel mehr als man denkt, viel weiter als man weiß. Der Mensch hat das Bedürfnis seine Grenzen eng abzustecken, damit er sein Leben überschaut. Das macht ihn zunächst glücklich, der wähnt sich in Sicherheit und Sicherheit gibt uns Kraft. Aber zunehmend werden wir in unserer überschaubaren Welt ohne Zufall, mit tausenden Versicherungen und Regeln vor lauter Absicherung klein und kleiner und verschwinden schließlich ganz. Das Lebendige ist uns verloren gegangen, weil wir es festhalten wollten. Wir haben es erdrückt in bester Absicht. Das Leben ist aber absichtslos, frei und undurchschaubar und immer dann lebendig, wenn man sich seinem Fluss anzuvertrauen vermag.


Das sei die Antwort darauf, warum man so einen Wahnsinn macht. Warum man sich dem Regen und den Bergen so aussetzt, Schmerzen, ja sogar Verletzungen in Kauf nimmt und immer noch weiter träumt von so vielen unmöglichen, "unvernünftigen Dingen." Ohne Versicherung. Ein wenig mehr als man gedacht, ein wenig anders als man gewohnt war.




Michael und ich sind ein perfektes Team. Wir haben ein ähnlichen Rhythmus und können über allerlei reden, wenn es die Puste zulässt.




11:55

Der große Trockenberg ist kaum zu erklimmen. Der Berg steht wie senkrecht vor unserer Nase. Dann stürzen wir uns wie befreit hinunter ins Tal zum Hotel Gasthaus "Kleiner Inselberg." Nach 27,5 km beenden wir die vierte Etappe unserer schönen Tour durch den Thüringer Wald. Wir haben über 500 Höhenmeter gemacht in 3 Stunden und 6 Minuten. 



12:20

Ich hänge meine Sachen auf, denn die Heizung ist kalt. Das wird wenig Zweck haben bei der Luftfeuchtigkeit hier. Wir scherzen noch über mein besonderes Outfit, dann geht es unter die warme Dusche und wie immer erst mal ins Bett. Das Zimmer ist so Unbarmherzigkeit und kühl, dass Luther hier in aller Ruhe die Bibel übersetzen könnte. Der gute Junker Jörg. Doch dazu morgen mehr.


Details und Karte Garmin Connect