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22.10.17

Dresden Marathon, 3:43:31



Lief gut bis km 37, dann Krämpfe. Die letzten Kilometer waren abenteuerlich. Motto: Ich behalte die guten Bilder im Kopf und trainiere weiter.

378. in der Gesamtwertung. 56.Platz in der AK 50 (von 146), HM Zeit 1:50


Details bei STRAVA

24.4.17

Gestern

"Was willst du denn auf Island" Buchpremiere KH Mitte

Das hätte ich nicht gedacht, die Kasse platzte gestern aus allen Nähten. Wir mussten leider so viele Leute nach Hause schicken.



An alle die das hier lesen, und vielleicht immer noch ein wenig betrügt sind. 
Es tut mir herzlich leid. Vielleicht ist es ein Trost zu wissen, dass ich auf alle Fälle die selbe Lesung am 3. September in der Kirche am Weißen Hirsch wiederhole. 

Auch laufen seit heute Bemühungen das Buch auf Grund der Nachfrage im Juni erneut im KH Mitte zu präsentieren. Ich gebe diesbezüglich Bescheid.



Ansonsten gab es gestern viel Grund zur Freude. Volkmar, Sonja und Martin die beschriebenen Personen aus meinem Buch waren persönlich da. Viele Freunde, Bekannte, aufgeweckte Zuschauer auch. Leute mit neugierigen Gesichtern und natürlich Island Fans. Phil hat saumäßig gut Gitarre gespielt.



Ihr alle habt uns diesen Tag unvergesslich gemacht. Danke und vielleicht schon bis bald.

alle Fotos von Jörg Hausmann, Verlag ZWIEBOOK


23.4.17

"Es ist eigentlich nichts weiter, als diese ewige Suche nach Freiheit."


INTERVIEWBOGEN AHMAD MESGARHA
„WAS WILLST DU DENN AUF ISLAND“
erschienen bei ZWIEBOOK

Was erwartet die Leser, wenn sie Ihr Buch aufschlagen? 
Den Leser erwartet die Geschichte eines Schauspielers, der im Juli 2013 die Laufschuhe geschnürt hat und nach Island geflogen ist, um dort zu finden, was er verloren glaubte: die Leichtigkeit des Seins. Dies ist mein Bericht über eine faszinierende Landschaft, unberechenbar und fremd, in sich gekehrt und still, dann wieder überraschend und aufbrausend. Mein Buch beschreibt einen Lauf durch den Südosten Islands. Dabei habe ich zusammen mit Freunden in sieben Tagen 187 Kilometer zurückgelegt und 7500 Höhenmeter überwunden, vorbei an Geysiren, Gletschern und Wasserfällen bis hinauf zum Vulkan Eyjafjallajökull, dessen Asche unter meinen Füßen noch warm war. Ich habe versucht ein humorvolles, aufregendes Buch zu schreiben, das zu fesseln vermag und Lust darauf macht ein Wagnis einzugehen fern aller Pauschalreisen.

Was hat Sie dazu bewogen, diese Laufreise zu unternehmen?
Ich wollte neues kennen lernen und möglichst dabei laufen.


Welchen Stellenwert hat das Laufen in Ihrem Leben und warum?
Ach, es ist eigentlich nichts weiter, als diese ewige Suche nach Freiheit, die ganz tief im Mann verwurzelt ist. Ich kann, wenn sie so wollen sofort und aus eigner Kraft nach Meißen rennen und auch wieder zurück. Es würde mich anstrengen, aber ich würde es schaffen. Das beruhigt mich irgendwie.



(er kichert)  Es ist dieses auf dem Pferd, mit dem Lasso in der Hand durch die Prärie reiten, es ist diese Endlosigkeit der langen Wege. Ich liebe alles was lange dauert. Ich liebe auch dicke Bücher und ewige Freundschaften.


Sie haben viele Fotos geschossen. Ist die Fotokunst eine Ihrer Leidenschaften? 
Ich liebe die Fotografie, weil sie das still ist und mich dadurch bewegt.


„Was willst du denn auf Island?“ ist sicher eine Frage, die Ihnen nach Ihrem Entschluss gestellt wurde. Wie hat Ihr Umfeld auf Ihr Vorhaben reagiert?
Genau so. „Warum gerade Island? Da wird man doch gar nicht braun?“
(er lacht) Nein, die fanden das natürlich cool und haben mich beneidet, waren aber trotzdem froh nicht mitlaufen zu müssen.


Warum gerade Island? Was hat Sie an der Gegend besonders gereizt?
Diese Insel aus Feuer und Eis besteht aus Gegensetzen. Das Wetter kann von einer Minute zur nächsten wechseln und die Farben spielen vor deinen Augen Roulette. Island hat scheinbar alles in sich vereint und widerspricht sich dabei ständig. Das grüne Gras ist ganz wie in Irland. Die moosbewachsenen Felsen erinnern mich an Schottland. Es gibt es Wasserfälle wie in Kanada. Die Steppe gleicht der Sahara. Dann wiederum sieht’s aus wie auf dem Mond und rote Felsen hat der Mars. Ich war tagelang im Nichts, weit weg von jeder Gewohnheit auf schneebedeckten Gletschern und unter meinen Füßen war die Asche des Eyjafjallajökull noch warm.


Welches Erlebnis hat Sie auf der Laufreise besonders bewegt und warum?
Am dritten Lauftag begegnete ich dem Wasserfall Gullfoss. Was für ein Paukenschlag der Natur! Atemlos stand ich davor. Mir kamen die Tränen. Von alleine vermag der Mensch sich nicht einzuordnen. Etwas in ihm will vergessen, dass auch er zur Natur gehört. Etwas in ihm ermutigt ihn, sich selbst zu erhöhen. Nur ein Blitz, ein Orkan, ein Hochwasser, ein Unglück vermag ihn wieder daran zu erinnern, dass auch er nur ein Teil von allem ist. Die Naturgewalt ist unsere Apotheke. Der Mensch sollte täglich vor einen Wasserfall knien und beten, dass dieser ihn nicht zerquetscht wie eine Fliege. Erst danach sollte er sein Tagwerk beginnen. Demütig und umsichtig. Er ist nur eine Fliege. Der Wasserfall Gullfoss hat mich das gelehrt.





Mit welchen Schwierigkeiten hatten Sie zu kämpfen?
Der Puma lauert überall. Laufklamotten haben die Angewohnheit nach längerem Gebrauch zu stinken, wie ein Puma. Das hältst du nicht aus. Du musst dir also am Abend dringend Seife und Wasser besorgen, sonst hast du keine Freunde mehr.


Welches Foto im Buch gefällt Ihnen am besten? Welche Geschichte ist damit verbunden?
Die schönsten Fotos sind zweifelsohne in den Bergen über Reykjavik auf dem Weg nach Hveragerdi
entstanden. Wie in einer Filmkulisse aus „Der Herr der Ringe“ zog sich der Nebel über graue schroffe Felsen und das isländische Moos gab weich den Untergrund und dämpfte nüchtern jeden Schritt, als wäre man auf einem Teppich im Gebirge. Dieses grün werde ich nicht vergessen. Dann habe ich wundervolle Fotos in Rangárþing ytra gemacht. Marsrot zog sich der Schotter bis in die Endlosigkeit. Und dann natürlich im Naturreservat Fjallabak. Da kannst du nicht anders. Du bist nur am fotografieren. Oh, dieser Drang alles fest halten zu wollen. Dabei vergisst man nichts. Nicht, was einem wichtig ist.


Sie haben nicht nur Fotos geschossen, sondern Sie haben Ihre Erlebnisse auch aufgeschrieben. Warum und für wen?
Das Entscheidende entsteht nebenbei. Ich habe zunächst nur Tagebuch geführt. Manchmal bis in die Nacht geschrieben. Todmüde meistens, aber auf Island wird es ja nur kurz dunkel und somit wurden auch die Nächte zum Tag. Die entstandenen Texte habe ich dann noch während meiner Reise in einen Blogg gesetzt. Das führte dazu, dass sich Leser meldeten, und dringend eine Fortsetzung forderten. Wohlbemerkt, das war noch auf Island. So habe ich angefangen schon während des täglichen Laufens nach Formulierungen zu suchen, die ich dann in heller Nacht in mein Handy stanzte, um es bei der nächsten Internetgelegenheit in den Blogg zu pusten. Im Spätsommer habe ich auf Bornholm aus dem Blogg ein Buch gemacht. Ich habe täglich 4 bis 5 Stunden geschrieben. Dann war das Buch fertig. Und dann, zu allem Unglück, war es weg. Verloren durch einen elektronischen Fehler. Unwiederbringlich und endgültig verloren. Für mich hatte sich das Thema erledigt. Ich wollte und konnte das Wort Island nicht mehr hören.

21.5.16

Rennsteiglauf 2016

Irgendwann, ich glaube es war in der sechsten Klasse in Berlin Prenzlauer Berg, da habe ich davon in der Zeitung gelesen. "Die Verrückten aus dem Thüringer Wald" war der Artikel überschrieben. Die damals 75km zählende Strecke schien mir genau so unüberwindlich wie der Weg zum Mond.


Aber die Geschichte von den Unbezwingbaren aus dem Thüringer Wald hat mich fortan nicht losgelassen.  Das man das schaffen kann schien mir geradezu unglaublich. Helden waren sie für mich, die Männer vom Rennsteig. Hans-Georg Kremer, Hans-Joachim Römhild, Jens Wötzel und Wolf-Dieter Wolfram waren die Pioniere. Und ich malte mir aus, dass ich der fünfte in ihrem Bunde gewesen wäre. Mit der Taschenlampe liefe ich ihnen hinterher.

Zunächst galt es aber den "Dauerlauf" in der Schule zu überstehen. Die "Leistungskontrolle" auf dem Sportplatz. Wenn ich mit 3000 Metern schon zu tun hatte, dachte ich, wird alles was darüber hinaus geht ein Traum bleiben müssen und ein 72,7km langer Lauf sowieso.
Doch dann, als nach der Schule das Leben begann und das Theater mich infizierte, als die Bühne Schritt für Schritt mein zu Hause wurde, kam mit dem Schauspieler auch der Sportler in mein Leben. Erst als Ausgleich, dann als Teil von mir.

Ende letzten Jahres dachte ich, das mit dem Rennsteig wäre nun vielleicht möglich. Ich bin inzwischen einige Halbmarathon gelaufen, einige Marathons auch, in unterschiedlichen Städten, mit ganz unterschiedlichem Höhenprofilen, warum sollte nicht nicht jetzt den lang erträumten Ultra Marathon Wirklichkeit werden lassen. 72,7 km müssten doch zu schaffen sein. Gesagt, getan begann ich Anfang des Jahres mein Training zu spezialisieren... hier läuft's weiter


Foto Team Müller 


30.8.15

Bielebohlauf

Für meine erste Teilnahme an diesem Landschaftslauf im Lausitzer Bergland habe ich mich relativ kurzfristig entschlossen. Das konnte ich mir leisten, denn trainiert wie ich vom Rennsteig bin bedarf es keiner neuerlichen Trainingseinheit und Oppach zu erreichen ist auch nicht schwer. Es liegt nur eine gute Autostunde von Dresden entfernt. Der organisatorische Aufwand hielt sich in Grenzen.


Die Teilnehmerzahl von 314 ließ nicht gerade Hektik vermuten und das Wetter an diesem Tag begrüßte uns in den Morgenstunden ausgesprochen freundlich. 

Angeboten werden in Oppach unterschiedliche Distanzen : 1,5km, 4,9km, 12km und 20km (genaue Messungen besagen 18,3km). Der 20 km Lauf geht auf den 499m hohen Bieleboh. Viele gut trainierte und erfahrene Läufer waren am Start. 

Der Start war pünktlich um 10:00 und die Sonne schien nun mit altsommerlicher Restwärme mehr als gut für uns Läufer war, aber es gab genug Wasser am Rand der Strecke und nun konnte mann dieses fast familiär geführte Rennen mit seiner erlebnisreichen Natur genießen. 

Unsere Delegation. Sechs Männer, von einer jungen Nachwuchsläuferin verstärkt gingen in unterschiedlichen Distanzen an den Start. 


Andr'e (3.v.l.) und Thomas (3.v.r.) belegten in ihrer Altersklasse
 jeweils den 2. Platz.




Glücklicher 4. Platz


Überraschend war, das der Eintritt in das benachbarte Schwimmbad für uns Läufer an diesem Vormittag frei war und wir kühlten beseelt vom ersten Bier und dem kühlen Nass die Glieder. 

Ein sympathischer, gut organisierter und handgemachter Landschaftslauf. Wirklich zu empfehlen. Ich bin nächstes Jahr wieder dabei! Ganz bestimmt.




Statistik bei Garmin Connect

20.8.15

5. und letzte Etappe von Botterode nach Hörschel

6:40
Die Nacht in karger Kammer habe ich nur mäßig verbracht. Das Bett, so schmal wie ein Handtuch, bot wenig Platz für die müden Beine. Ich koche Kaffee. Mein kleiner Wasserkocher, ein treuer Begleiter seit ewigen Zeiten, hilft mir dabei. Ich gehe die Strecke noch einmal durch. 
In Hörschel wo unser Lauf enden wird, beginnt der Rennsteigweg. Unser Ziel ist also ein neuer Anfang.
Ich habe Schmerzen im rechten Fuß. Es ist  erträglich, aber hinderlich und ich bin froh, dass heute der letzte Tag ist. Dennoch Euphorie. Mein Gott, ich wage gar nicht daran zu denken was wir geschafft haben.

9:00
Wir stehen in der Morgensonne. Ulli gibt wie immer das Zeichen und es geht los.


Ein prachtvoller Sommertag. Die Wiesen duften altsommerlich. Heute laufen wir aus der Startergruppe heraus zu dritt. Michael, Jörn und ich. Wir finden schnell unser Tempo. Jörn hat Lauferfahrung und ist ebenfalls zu jedem Scherz aufgelegt.

Der Anstieg ist gewaltig fast 200 Höhenmeter. Wir müssen gehen. In der Waldschenke am Dreiherrenstein, bei Kilometer 6,4 kehren wir ein, aber nicht um zu trinken sondern für unseren Stempel. Die Wirtin ist extra früh aufgestanden. Sie ist hübsch und stempelt mit kleinen ironischen Bemerkungen unsere Blätter ab. 
Auf den Weg zurückgekehrt werten wir, ganz Mann, ihre reizvolle Erscheinung auf das köstlichste aus. Das hätten wir lieber nicht tun sollen. Wir verloren im Geschwätz das berüchtigte weiße R mußten missmutig umkehren und hatten ab sofort 1 km und 50 Höhenmeter mehr im Gepäck. 

Entlang der Glasbachwiese wird die Natur immer schöner. Die Sonne wärmt und der Ausblick ist gigantisch.



Da ist sie die Wartburg. Luther hat hier 1521 das neue Testament übersetzt. Sein Aufenthalt sollte ein Geheimnis sein. Deshalb versteckte er sich dort unter den Namen Junker Jörg. 

Vorbei am Vachaer Stein wird das Gelände mit Wurzelwerk überdeckt. Frank, Wolfgang, Markus die schnellen Läufer überholen uns. Sie sind eine halbe Stunde später gestartet. Ebenso überholen wir die vor uns gestarteten Gruppen. Stück für Stück. Schnell merkt man wem es heute gut oder schlecht geht. "Glück auf den Weg!"


Da ist sie auch schon, die Autobahnbrücke von Hörschel. 


Ich beschließe etwas Tempo zu machen. Es geht noch was. Die Beine machen mit. Der Weg geht abwärts. Man muss sich sehr konzentrieren. Aber die Euphorie, das Adrenalin steigt. Es ist wahrhaftig so. Nach fünf Tagen laufe ich in Hörschel ins Ziel. 


Erst jetzt wird mir wirklich bewusst dass ich es überstanden habe. Ich habe etwas für mich Unmögliches Wirklichkeit werden lassen.


Ich bin in fünf Tagen von Blankenstein nach Hörschel gelaufen. Habe dafür 20 Stunden und 16 Minuten gebraucht und dabei 13000 kcal verbrannt, 3300 positiven Höhenmetern bewältigt und insgesamt 174 km zurückgelegt.



Ich bin angekommen, obwohl es kalt war, obwohl der Regen quälte und der Fuß schmerzte, ich bin da, obwohl ich mich über 5 km zusätzlich verlief und mir der Mut fast abhanden kam, ich bin da, obwohl ich nicht wußte, ob ich das kann, ich habe es gemacht ohne Versicherung, nur mit mir selbst, für mich selbst, meinen Beinen, meinem Athem und meinem Willen und es scheint die Sonne, wie eine Goldmedalie und überstrahlt das Pflaster auf dem Weg vor dem "Tor zum Rennnstein"



Ulli die lebende Legende, Vater von allem und gute Seele gratuliert. Die schnelleren Läufer und die Läufer aus den vorderen Startfeldern feiern. Und von diesem Augenblick an feiern wir gemeinsam die Neuankömmlinge. Wir fallen uns in die Arme. Eine große Gemeinschaft völlig verrückter Goldmedaillengewinner.



17:46
"Kommst du zum Stein werfen?" Achims WhatsApp läßt mich hochschrecken. Stimmt. Der Stein, wo ist der Stein? Heute Abend wollten wir unseren Stein in die Werra werfen. Fünf Tage hatte ich ihn bei mir. Er hat alles miterlebt. Nun wird er wieder frei gelassen, denn der Bote ist angekommen. Ich schlüpfe so schnell ich kann in meine Jeans, das gehen fällt schwer, unten warten schon alle. 30 Steine fliegen in das Wasser, so wie es der Brauch verlangt nach langer thüringer Pilgerschaft.


22:30
Ich sitze am Wasser und rauche. Hier raucht keiner und irgendwie passt das so gar nicht zu den Siegerehrungen und Huldigungen. Es passt vielleicht zu meinem schweren Koffer, der im Zimmer 18 unter dem Dach die Dielen quält.
Ich rauche und starre auf das stille Nass, über mir rauscht die Autobahn. Verlässlich surren die Container der LKWs über den entfernten Beton. Sie bringen das eine zum anderen und das andere zu einem. Sie mögen weit fahren und von sehr weit kommen, da oben im Himmel. Ich zähle die Autos. 9 von links, 2 von rechts. 

Da blendet mich ein Licht. Eine Taschenlampe sucht Halt und verfängt sich in meinem Gesicht. "Ist hier die Werra?" "Ja." Ich antworte und verstecke instinktiv meine Zigarette. "Da vorne. Du musst noch 10 Meter gehen! Das Wasser ist still." Vor mir steht ein hochgewachsener Mann. Er mag 25 Jahre alt sein mit einem übermäßigen Rucksack. Schwer wie mein Koffer denke ich. 

"Hast du mal eine Zigarette?" 
"Nein, aber du kannst meine zu Ende rauchen, sie ist noch mehr als halb. Was suchst du?" Ich reiche ihm den Rest der Zigarette, er nimmt sie mit breiten Händen und zieht tief den Tabak in die Lungen.
"Ich brauche einen Stein. Einen kleinen Stein aus der Werra. Ich werde ihn in sieben Tagen in die Selbitz werfen." 
"Du läufst nach Blankenstein?" frage ich. 
"Ja!" antwortet er. "168,3km." 
"Ich weiß! Da komm ich gerade her." Wir grinsen durch die Dunkelheit, er reicht mir den ehrenvollen letzten Zug. Ich aber weise ab. 
"Nein, ich hab schon. Die ist für dich. Glück auf den Weg." 
"Danke",  
"Bitte", 
"Ciao!", 
"Ciao!" 



Details und Karte Garmin Connect


19.8.15

4. Etappe von Oberhof nach Botterode

6:15
Kaum zu glauben wie schnell die Tage vergehen. Zumindest mein Kopf bräuchte jetzt eine Pause, um die vielen Eindrücke zu verarbeiten. Die in Bier gemischten Gespräche am Abend in der Baude, die Umgebung, die Geschichten, die Bilder, die Wege, das ist viel und sicherlich besser verträglich für den, der das hier im Wandern absolviert. Nachts träume ich wirres Zeug. Wir haben Klassenfahrt. Ich bin in der 6. Klasse der Krupskaja Oberschule. Wir fahren mit der Berliner S-Bahn direkt in die österreichischen Alpen. Ich habe meinen Turnbeutel vergessen, aber auf meinem Rücken hängt der Lauf Rucksack.

Das Frühstück duftet durch die alte Tür der Pension "Waldesruh" an der Landstraße hoch unter dem Dach wo ich mit meinem schweren Koffer wohne. Der Schlüssel in der Tür ist alt und steckt in einem alten Schloss. "Schnack" macht er wenn man ihn dreht. Der Koffer grinst mich an. Nachher werde ich ihn die enge Treppe nach unten ins Foyer befördern. Die grobe Masse aus Stein. Nicht viel Zeit, denn der Kleinbus wird uns bald nach Oberhof bringen, vorbei am Trainingszentrum der Biathlons unweit der großen Schanze. 

8:50

Warm up auch für Schultern, Lenden, Waden. Mein tägliches Ritual. Achim, der heute pausiert überrascht mich mit seinem Fotoaperat. 



9:00

Start. Die Wolken haben sich wieder vor die Sonne geschoben. Es ist kühl. Wir laufen entlang der Schmalkaldener Loibe, dem Nesselberg entgegen. Nach der "Alten Ausspanne" kommt der Glasberg. Nach der Splitterbrücke geht es links steil hoch zum Berghotel.



Romantisch zieht der Rinnsteig, den wir heute Rennsteig nennen, seine Linie durch den Thüringer Wald. 




Die Herde der Läufer trabt auf feuchtem Schotter dem heiligen weißen R hinterher. Alle 200 m steht es irgendwo geschrieben. Wenn man es eine Weile nicht gesehen hat ist man falsch. Heute ist es still im Läuferfeld. Während der ersten Kilometer hat jeder mit sich zu tun. Hier ein Zwicken und da ein Zwacken. Mein rechtes Sprunggelenk macht sich seit einiger Zeit bemerkbar. Ein noch überschaubares Übel. Man gewöhnt sich an vieles. Überhaupt die Gewöhnung. Da führt man seit einer knappen Woche ein völlig extremes Leben, stresst seinen Körper, das ganze Herzkreislaufsystem, läuft täglich fast einen Marathon und schon scheint sich der Körper darauf einzustellen.




In welchem genialen Konstrukt der Natur dürfen wir leben? Wenn man betrachtet wie sich ein völlig ausgepumpter Körper über Nacht erholen kann allein mit Thüringer Bratwurst und Klößen...


Was ich aber eigentlich meine ist, man muss sich neben der konsequenten Vorbereitung eines solchen Unternehmens, neben vielem Training, gesunder Ernährung und guter Selbstorganisation etwas Schweres auch zutrauen. Man muss vertrauen, denn man kann viel mehr als man denkt, viel weiter als man weiß. Der Mensch hat das Bedürfnis seine Grenzen eng abzustecken, damit er sein Leben überschaut. Das macht ihn zunächst glücklich, der wähnt sich in Sicherheit und Sicherheit gibt uns Kraft. Aber zunehmend werden wir in unserer überschaubaren Welt ohne Zufall, mit tausenden Versicherungen und Regeln vor lauter Absicherung klein und kleiner und verschwinden schließlich ganz. Das Lebendige ist uns verloren gegangen, weil wir es festhalten wollten. Wir haben es erdrückt in bester Absicht. Das Leben ist aber absichtslos, frei und undurchschaubar und immer dann lebendig, wenn man sich seinem Fluss anzuvertrauen vermag.


Das sei die Antwort darauf, warum man so einen Wahnsinn macht. Warum man sich dem Regen und den Bergen so aussetzt, Schmerzen, ja sogar Verletzungen in Kauf nimmt und immer noch weiter träumt von so vielen unmöglichen, "unvernünftigen Dingen." Ohne Versicherung. Ein wenig mehr als man gedacht, ein wenig anders als man gewohnt war.




Michael und ich sind ein perfektes Team. Wir haben ein ähnlichen Rhythmus und können über allerlei reden, wenn es die Puste zulässt.




11:55

Der große Trockenberg ist kaum zu erklimmen. Der Berg steht wie senkrecht vor unserer Nase. Dann stürzen wir uns wie befreit hinunter ins Tal zum Hotel Gasthaus "Kleiner Inselberg." Nach 27,5 km beenden wir die vierte Etappe unserer schönen Tour durch den Thüringer Wald. Wir haben über 500 Höhenmeter gemacht in 3 Stunden und 6 Minuten. 



12:20

Ich hänge meine Sachen auf, denn die Heizung ist kalt. Das wird wenig Zweck haben bei der Luftfeuchtigkeit hier. Wir scherzen noch über mein besonderes Outfit, dann geht es unter die warme Dusche und wie immer erst mal ins Bett. Das Zimmer ist so Unbarmherzigkeit und kühl, dass Luther hier in aller Ruhe die Bibel übersetzen könnte. Der gute Junker Jörg. Doch dazu morgen mehr.


Details und Karte Garmin Connect




18.8.15

3. Etappe von Neustadt am Rennweg nach Oberhof

 6:30
Freundlich lockt die Sonne durch das Dachfenster.


Es ist noch kühl, aber heute soll es wärmer werden. Ein neuer Anblick eröffnet den vierten Tag. Heute geht es nach Oberhof. Der Wintersport Stadt Oberhof, bekannt aus alten DDR Sport Zeiten und bekannt dafür das man sich dort um den heutigen Nachwuchs kümmert. Komisch, ich denke immer zuerst an den "Oberhofer Bauernmarkt." Eine Fernsehsendung aus Kindertagen. Extrem uncool. Und der Inbegriff für Rentnerdisco. Als wir aber vorgestern Abend in geselliger Runde das Rennsteiglied sangen, mit Tränen in den Augen, da wurde mir klar, wie ernst die Fröhlichkeit gemeint ist. Es klang wie eine Hymne das Lied vom Rennsteig und seinen Wanderwegen. Herbert Roth ist ein Idol. Mick Jagger auch. Aber eben nicht hier auf diesen Wegen. 

Diesen Weg auf den Höh'n 
bin ich oft gegangen, 
Vöglein sangen Lieder. 
Bin ich weit in der Welt 
habe ich Verlangen, 
Thüringer Wald nur nach dir.

Mit 27 km steht heute eine etwas kürzere Etappe auf dem Plan. Wenn man überhaupt von kurz sprechen kann. 


Die abendlichen Vorbereitungen sind ein wichtiges Ritual. Jedes Mal schreibe ich mir peinlich genau die Verpflegungs und Kontrollstellen für den Wegesstempel auf.
Ähnlich wie auf dem Jakobsweg führt man ein Stempelblatt dabei, um nachzuweisen dass man wirklich überall war. 


Nun gut, das ist ein bisschen wie auf dem Kindergeburtstag. Aber man ist doch gerne Kind, oder?

7:20
Ich laufe zum Frühstück in das nachbarliche Hotel. Es ist eine herrliche Stimmung. Ich mache Fotos.


Die Kirche an der Kirchgasse.


Noch alles still auf den Straßen. Mancher nickt mir freundlich zu. Wir sind hier die bunten Vögel. Die Leute mit den Nummern auf dem T-Shirt - Startnummern. Man kennt das schon.



9:00
Start bei herrlichem Sonnenschein und guter Stimmung. Die Beine machen mit. Erstaunlich wie man sich über Nacht erholen kann. Der Körper scheint sich an die Belastung zu gewöhnen. Dennoch nehme ich mir vor langsam zu laufen.


Heute kann man weite sehen. Vorbei am großen Dreiherrenstein. Wir durchlaufen den Ort Alzunah. Überqueren die Straße am Frauenwald. Gelangen zum Bahnhof Rennsteig. Nach der Wetterstation an der Schmücke, kommen wir zum höchsten Punkt des Thüringer Waldes, die genaue Festschreibung belegt 973m. Da ist sie! Plänkners Aussicht! Man kann weit sehen. Bei Kilometer 21 sind wir an der Suhler Ausspanne, daran schließt sich die Sommerwiese, die Brandleiter und schließlich nach einem langen langen endlosen Berg Der hoch, hoch in den Mond geht, stürzten wir herab in das Tal zum Waldgasthaus Schanzenbaude.



Erst am Ende bin ich Michael etwas entwischt. Berg ab fällt mir leichter. Aber unser Lauf war wieder perfekt. Nicht zu schnell und dennoch sind wir an unsere Grenzen gegangen. 


Die Beine machen mit. Heute waren es wieder weit über 700 Höhenmeter. Hier und da zwickt es ein wenig. Aber man muss die Nerven behalten. 



Die Wertungen werden aufgeschrieben. Es gibt herrlich zu essen. Die Tafel ist gedeckt. Ich kann kurz nach einem Lauf noch nichts essen. Der Magen ist zugeschlossen. Tee und Cola, das reicht.


Uli, der Mann mit der Stoppuhr in der Hand, ruft mir zu: "3 Stunden und 11 Minuten. Nicht die beste Zeit, aber die beste Haltung". Wir lachen. Und ich stecke mir ein Bier in den Beutel. Für die Pension "Waldesruh", die sich unweit von hier befindet.


   
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2. Etappe von Spechtsbrunn nach Neustadt am Rennweg

6:50
Der Blick aus meinem Fenster verrät Nieselregen und frische Kühle.


Das leichte ziehen im rechten Fuß, dass mir gestern noch Sorgen machte, hat sich zurückgezogen. Ich konnte mich über Nacht gut erholen. Heute werde ich in der mittleren Gruppe starten. Die Geschäftigkeit auf dem Flur unserer Pension nimmt zu. Man geht zum Frühstück. Es rumpelt und pumpelt. Viel gegessen wird sowieso nicht. Mit einem vollen Magen zu laufen wäre beschwerlich.

Das schwerste an diesem Etappenlauf aber ist und bleibt mein Koffer. Der hat mir mächtig Ärger eingebracht. Schließlich bringen fleißige Betreuer das Unding zu den jeweiligen Pensionen. Warum kann ich nur schwere Koffer packen? Jeder Flughafen reagiert panisch, wenn ich mit meinem Koffer komme. Meine Koffer sind immer zu schwer.


In der Ortsmitte von Spechtsbrunn zweigt der Rennsteig auf einen unscheinbaren Weg ab und führt einen Wiesenhang hinauf. Dies ist wohl der schönste Aufstieg welchen ich hier bisher erleben durfte. Er führt zur Clemens Major-Schutzhütte, die nach einem Kartographen benannt wurde, der sich um den Rennsteig verdient gemacht hat. Von hier oben aus sieht man selbst durch den morgendlichen Dunst das saftig grüne Tal.

Mein Vorhaben den Lauf heute nicht zu schnell zu beginnen wird gleich in die Tat umgesetzt. Ich muss gehen. Der Anstieg ist zu steil. Der Pulsmesser zeigt 140. Das reicht. Bloß nicht zu schnell. Heute sind die 40km nach den 44km von gestern, es erwarten mich 800 Höhenmeter und ich weiß nicht wie mein Körper reagieren wird. Man kann ihn nicht zwingen. Man kann ihn nur sachte bitten.


Heute laufe ich mit Michael, er kommt aus Thüringen. Er ist 52 Jahre und hat schon einige Ultras hinter sich. Ist ein erfahrener Läufer ruhig und immer lustig. Wir reden viel. Bei den Trails, welche abwärts führen durch die scharfen Rinnen, bin ich gerne ein wenig voraus. Ansonsten haben wir das selbe Tempo, legen konsequent Gehpausen ein, wenn der Berg zu steil wird und laufen durch das Schiefergebirge und dichtem Fichtenwald dem Ziel Neuhaus am Rennweg entgegen. Am Ende gesellt sich Jens dazu. Wir genießen zu dritt die letzten Kilometer und machen uns Mut. "Gleich vorbei. Dann sind wir die Helden."

Die Natur war heute atemberaubend. Die kleinen Wege durch die engen Wälder benötigen zwar eine starke Aufmerksamkeit, Ausdauer und viel Geschicklichkeit, aber man wird von der Natur belohnt. Und deshalb laufen wir hier, auch wenn wir unsere GPS Daten dabei leidenschaftlich vergleichen, durch ein wirklich göttliches Stück Erde. Ich war in vielen, auch weit liegenden Ländern zu Gast, aber einmal mehr wird mir klar, das schöne ist ganz nah.

Nach 4:56h erreichen wir Neustadt am Rennweg.


14:35
Ich laufe zur Pension "Schöne Aussicht", hiefe meinen steinschweren Koffer in die zweite Etage unter das Dach, wasche meine verschwitzten Klamotten, die nach Puma stinken. (Warum riechen verschwitzte Laufsachen eigentlich immer nach Puma? Sie könnten doch auch beispielsweise nach Hase riechen? Aber Hasen riechen nicht. Ja, das wird es sein. Hasen richen nicht, deshalb Puma.)

Ich versuche zu duschen. Kein Wasser. Ich klopfe an irgend eine Tür der Pension, man öffnet mir, gewährt mir Einlass, ich nehme dankbar an und übergieße den völlig durch gefroren Körper in den nächsten 10 Minuten mit warmen Wasser.

18:30
Die Kirchenglocken läuten zaghaft. Ein schöner Tag. Und ich bin ganz bewegt vor lauter Freude.


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