30.8.15

Bielebohlauf

Für meine erste Teilnahme an diesem Landschaftslauf im Lausitzer Bergland habe ich mich relativ kurzfristig entschlossen. Das konnte ich mir leisten, denn trainiert wie ich vom Rennsteig bin bedarf es keiner neuerlichen Trainingseinheit und Oppach zu erreichen ist auch nicht schwer. Es liegt nur eine gute Autostunde von Dresden entfernt. Der organisatorische Aufwand hielt sich in Grenzen.


Die Teilnehmerzahl von 314 ließ nicht gerade Hektik vermuten und das Wetter an diesem Tag begrüßte uns in den Morgenstunden ausgesprochen freundlich. 

Angeboten werden in Oppach unterschiedliche Distanzen : 1,5km, 4,9km, 12km und 20km (genaue Messungen besagen 18,3km). Der 20 km Lauf geht auf den 499m hohen Bieleboh. Viele gut trainierte und erfahrene Läufer waren am Start. 

Der Start war pünktlich um 10:00 und die Sonne schien nun mit altsommerlicher Restwärme mehr als gut für uns Läufer war, aber es gab genug Wasser am Rand der Strecke und nun konnte mann dieses fast familiär geführte Rennen mit seiner erlebnisreichen Natur genießen. 

Unsere Delegation. Sechs Männer, von einer jungen Nachwuchsläuferin verstärkt gingen in unterschiedlichen Distanzen an den Start. 


Andr'e (3.v.l.) und Thomas (3.v.r.) belegten in ihrer Altersklasse
 jeweils den 2. Platz.




Glücklicher 4. Platz


Überraschend war, das der Eintritt in das benachbarte Schwimmbad für uns Läufer an diesem Vormittag frei war und wir kühlten beseelt vom ersten Bier und dem kühlen Nass die Glieder. 

Ein sympathischer, gut organisierter und handgemachter Landschaftslauf. Wirklich zu empfehlen. Ich bin nächstes Jahr wieder dabei! Ganz bestimmt.




Statistik bei Garmin Connect

20.8.15

5. und letzte Etappe von Botterode nach Hörschel

6:40
Die Nacht in karger Kammer habe ich nur mäßig verbracht. Das Bett, so schmal wie ein Handtuch, bot wenig Platz für die müden Beine. Ich koche Kaffee. Mein kleiner Wasserkocher, ein treuer Begleiter seit ewigen Zeiten, hilft mir dabei. Ich gehe die Strecke noch einmal durch. 
In Hörschel wo unser Lauf enden wird, beginnt der Rennsteigweg. Unser Ziel ist also ein neuer Anfang.
Ich habe Schmerzen im rechten Fuß. Es ist  erträglich, aber hinderlich und ich bin froh, dass heute der letzte Tag ist. Dennoch Euphorie. Mein Gott, ich wage gar nicht daran zu denken was wir geschafft haben.

9:00
Wir stehen in der Morgensonne. Ulli gibt wie immer das Zeichen und es geht los.


Ein prachtvoller Sommertag. Die Wiesen duften altsommerlich. Heute laufen wir aus der Startergruppe heraus zu dritt. Michael, Jörn und ich. Wir finden schnell unser Tempo. Jörn hat Lauferfahrung und ist ebenfalls zu jedem Scherz aufgelegt.

Der Anstieg ist gewaltig fast 200 Höhenmeter. Wir müssen gehen. In der Waldschenke am Dreiherrenstein, bei Kilometer 6,4 kehren wir ein, aber nicht um zu trinken sondern für unseren Stempel. Die Wirtin ist extra früh aufgestanden. Sie ist hübsch und stempelt mit kleinen ironischen Bemerkungen unsere Blätter ab. 
Auf den Weg zurückgekehrt werten wir, ganz Mann, ihre reizvolle Erscheinung auf das köstlichste aus. Das hätten wir lieber nicht tun sollen. Wir verloren im Geschwätz das berüchtigte weiße R mußten missmutig umkehren und hatten ab sofort 1 km und 50 Höhenmeter mehr im Gepäck. 

Entlang der Glasbachwiese wird die Natur immer schöner. Die Sonne wärmt und der Ausblick ist gigantisch.



Da ist sie die Wartburg. Luther hat hier 1521 das neue Testament übersetzt. Sein Aufenthalt sollte ein Geheimnis sein. Deshalb versteckte er sich dort unter den Namen Junker Jörg. 

Vorbei am Vachaer Stein wird das Gelände mit Wurzelwerk überdeckt. Frank, Wolfgang, Markus die schnellen Läufer überholen uns. Sie sind eine halbe Stunde später gestartet. Ebenso überholen wir die vor uns gestarteten Gruppen. Stück für Stück. Schnell merkt man wem es heute gut oder schlecht geht. "Glück auf den Weg!"


Da ist sie auch schon, die Autobahnbrücke von Hörschel. 


Ich beschließe etwas Tempo zu machen. Es geht noch was. Die Beine machen mit. Der Weg geht abwärts. Man muss sich sehr konzentrieren. Aber die Euphorie, das Adrenalin steigt. Es ist wahrhaftig so. Nach fünf Tagen laufe ich in Hörschel ins Ziel. 


Erst jetzt wird mir wirklich bewusst dass ich es überstanden habe. Ich habe etwas für mich Unmögliches Wirklichkeit werden lassen.


Ich bin in fünf Tagen von Blankenstein nach Hörschel gelaufen. Habe dafür 20 Stunden und 16 Minuten gebraucht und dabei 13000 kcal verbrannt, 3300 positiven Höhenmetern bewältigt und insgesamt 174 km zurückgelegt.



Ich bin angekommen, obwohl es kalt war, obwohl der Regen quälte und der Fuß schmerzte, ich bin da, obwohl ich mich über 5 km zusätzlich verlief und mir der Mut fast abhanden kam, ich bin da, obwohl ich nicht wußte, ob ich das kann, ich habe es gemacht ohne Versicherung, nur mit mir selbst, für mich selbst, meinen Beinen, meinem Athem und meinem Willen und es scheint die Sonne, wie eine Goldmedalie und überstrahlt das Pflaster auf dem Weg vor dem "Tor zum Rennnstein"



Ulli die lebende Legende, Vater von allem und gute Seele gratuliert. Die schnelleren Läufer und die Läufer aus den vorderen Startfeldern feiern. Und von diesem Augenblick an feiern wir gemeinsam die Neuankömmlinge. Wir fallen uns in die Arme. Eine große Gemeinschaft völlig verrückter Goldmedaillengewinner.



17:46
"Kommst du zum Stein werfen?" Achims WhatsApp läßt mich hochschrecken. Stimmt. Der Stein, wo ist der Stein? Heute Abend wollten wir unseren Stein in die Werra werfen. Fünf Tage hatte ich ihn bei mir. Er hat alles miterlebt. Nun wird er wieder frei gelassen, denn der Bote ist angekommen. Ich schlüpfe so schnell ich kann in meine Jeans, das gehen fällt schwer, unten warten schon alle. 30 Steine fliegen in das Wasser, so wie es der Brauch verlangt nach langer thüringer Pilgerschaft.


22:30
Ich sitze am Wasser und rauche. Hier raucht keiner und irgendwie passt das so gar nicht zu den Siegerehrungen und Huldigungen. Es passt vielleicht zu meinem schweren Koffer, der im Zimmer 18 unter dem Dach die Dielen quält.
Ich rauche und starre auf das stille Nass, über mir rauscht die Autobahn. Verlässlich surren die Container der LKWs über den entfernten Beton. Sie bringen das eine zum anderen und das andere zu einem. Sie mögen weit fahren und von sehr weit kommen, da oben im Himmel. Ich zähle die Autos. 9 von links, 2 von rechts. 

Da blendet mich ein Licht. Eine Taschenlampe sucht Halt und verfängt sich in meinem Gesicht. "Ist hier die Werra?" "Ja." Ich antworte und verstecke instinktiv meine Zigarette. "Da vorne. Du musst noch 10 Meter gehen! Das Wasser ist still." Vor mir steht ein hochgewachsener Mann. Er mag 25 Jahre alt sein mit einem übermäßigen Rucksack. Schwer wie mein Koffer denke ich. 

"Hast du mal eine Zigarette?" 
"Nein, aber du kannst meine zu Ende rauchen, sie ist noch mehr als halb. Was suchst du?" Ich reiche ihm den Rest der Zigarette, er nimmt sie mit breiten Händen und zieht tief den Tabak in die Lungen.
"Ich brauche einen Stein. Einen kleinen Stein aus der Werra. Ich werde ihn in sieben Tagen in die Selbitz werfen." 
"Du läufst nach Blankenstein?" frage ich. 
"Ja!" antwortet er. "168,3km." 
"Ich weiß! Da komm ich gerade her." Wir grinsen durch die Dunkelheit, er reicht mir den ehrenvollen letzten Zug. Ich aber weise ab. 
"Nein, ich hab schon. Die ist für dich. Glück auf den Weg." 
"Danke",  
"Bitte", 
"Ciao!", 
"Ciao!" 



Details und Karte Garmin Connect


19.8.15

4. Etappe von Oberhof nach Botterode

6:15
Kaum zu glauben wie schnell die Tage vergehen. Zumindest mein Kopf bräuchte jetzt eine Pause, um die vielen Eindrücke zu verarbeiten. Die in Bier gemischten Gespräche am Abend in der Baude, die Umgebung, die Geschichten, die Bilder, die Wege, das ist viel und sicherlich besser verträglich für den, der das hier im Wandern absolviert. Nachts träume ich wirres Zeug. Wir haben Klassenfahrt. Ich bin in der 6. Klasse der Krupskaja Oberschule. Wir fahren mit der Berliner S-Bahn direkt in die österreichischen Alpen. Ich habe meinen Turnbeutel vergessen, aber auf meinem Rücken hängt der Lauf Rucksack.

Das Frühstück duftet durch die alte Tür der Pension "Waldesruh" an der Landstraße hoch unter dem Dach wo ich mit meinem schweren Koffer wohne. Der Schlüssel in der Tür ist alt und steckt in einem alten Schloss. "Schnack" macht er wenn man ihn dreht. Der Koffer grinst mich an. Nachher werde ich ihn die enge Treppe nach unten ins Foyer befördern. Die grobe Masse aus Stein. Nicht viel Zeit, denn der Kleinbus wird uns bald nach Oberhof bringen, vorbei am Trainingszentrum der Biathlons unweit der großen Schanze. 

8:50

Warm up auch für Schultern, Lenden, Waden. Mein tägliches Ritual. Achim, der heute pausiert überrascht mich mit seinem Fotoaperat. 



9:00

Start. Die Wolken haben sich wieder vor die Sonne geschoben. Es ist kühl. Wir laufen entlang der Schmalkaldener Loibe, dem Nesselberg entgegen. Nach der "Alten Ausspanne" kommt der Glasberg. Nach der Splitterbrücke geht es links steil hoch zum Berghotel.



Romantisch zieht der Rinnsteig, den wir heute Rennsteig nennen, seine Linie durch den Thüringer Wald. 




Die Herde der Läufer trabt auf feuchtem Schotter dem heiligen weißen R hinterher. Alle 200 m steht es irgendwo geschrieben. Wenn man es eine Weile nicht gesehen hat ist man falsch. Heute ist es still im Läuferfeld. Während der ersten Kilometer hat jeder mit sich zu tun. Hier ein Zwicken und da ein Zwacken. Mein rechtes Sprunggelenk macht sich seit einiger Zeit bemerkbar. Ein noch überschaubares Übel. Man gewöhnt sich an vieles. Überhaupt die Gewöhnung. Da führt man seit einer knappen Woche ein völlig extremes Leben, stresst seinen Körper, das ganze Herzkreislaufsystem, läuft täglich fast einen Marathon und schon scheint sich der Körper darauf einzustellen.




In welchem genialen Konstrukt der Natur dürfen wir leben? Wenn man betrachtet wie sich ein völlig ausgepumpter Körper über Nacht erholen kann allein mit Thüringer Bratwurst und Klößen...


Was ich aber eigentlich meine ist, man muss sich neben der konsequenten Vorbereitung eines solchen Unternehmens, neben vielem Training, gesunder Ernährung und guter Selbstorganisation etwas Schweres auch zutrauen. Man muss vertrauen, denn man kann viel mehr als man denkt, viel weiter als man weiß. Der Mensch hat das Bedürfnis seine Grenzen eng abzustecken, damit er sein Leben überschaut. Das macht ihn zunächst glücklich, der wähnt sich in Sicherheit und Sicherheit gibt uns Kraft. Aber zunehmend werden wir in unserer überschaubaren Welt ohne Zufall, mit tausenden Versicherungen und Regeln vor lauter Absicherung klein und kleiner und verschwinden schließlich ganz. Das Lebendige ist uns verloren gegangen, weil wir es festhalten wollten. Wir haben es erdrückt in bester Absicht. Das Leben ist aber absichtslos, frei und undurchschaubar und immer dann lebendig, wenn man sich seinem Fluss anzuvertrauen vermag.


Das sei die Antwort darauf, warum man so einen Wahnsinn macht. Warum man sich dem Regen und den Bergen so aussetzt, Schmerzen, ja sogar Verletzungen in Kauf nimmt und immer noch weiter träumt von so vielen unmöglichen, "unvernünftigen Dingen." Ohne Versicherung. Ein wenig mehr als man gedacht, ein wenig anders als man gewohnt war.




Michael und ich sind ein perfektes Team. Wir haben ein ähnlichen Rhythmus und können über allerlei reden, wenn es die Puste zulässt.




11:55

Der große Trockenberg ist kaum zu erklimmen. Der Berg steht wie senkrecht vor unserer Nase. Dann stürzen wir uns wie befreit hinunter ins Tal zum Hotel Gasthaus "Kleiner Inselberg." Nach 27,5 km beenden wir die vierte Etappe unserer schönen Tour durch den Thüringer Wald. Wir haben über 500 Höhenmeter gemacht in 3 Stunden und 6 Minuten. 



12:20

Ich hänge meine Sachen auf, denn die Heizung ist kalt. Das wird wenig Zweck haben bei der Luftfeuchtigkeit hier. Wir scherzen noch über mein besonderes Outfit, dann geht es unter die warme Dusche und wie immer erst mal ins Bett. Das Zimmer ist so Unbarmherzigkeit und kühl, dass Luther hier in aller Ruhe die Bibel übersetzen könnte. Der gute Junker Jörg. Doch dazu morgen mehr.


Details und Karte Garmin Connect